TVT - Theologischer Verlag Tübingen
Buchumschlag Michael Krupp

Die Gleichnisse Jesu
und die
Gleichnisse der Rabbinen.
Ein Vergleich



TVT, Tübingen
Lee Achim, Jerusalem 2017
226 Seiten, kartoniert,
Preis: 20,00  Euro
ISBN 978-3-929128-57-4




Aus einer Rezension von Dr. Hans Maaß:

Auslöser dieser Veröffentlichung ist Krupps Wahrnehmung, die Gleichnisforschung zu Beginn des 20. Jh. habe das Verhältnis beider Gattungen zueinander verkannt, Vorarbeiten entstanden bei Fortbildungskursen der Evang. Akademie Bad Boll. In der Einleitung verweist Krupp nicht nur darauf, dass sowohl für Jesus als auch für die Rabbinen Gleichnisse ein wichtiges Element ihrer Darlegungen waren, sondern dass die rabbinischen Gleichnisse ausnahmslos „im palästinischen Bereich“ zu finden sind, nicht bei den babylonischen Gelehrten. Anhand eines längeren Zitats von Jochanan Bloch setzt er sich mit der neutestamentlichen Gleichnisforschung in der Nachfolge Adolf Jülichers auseinander und fasst die unterschiedlichen Deutungsansätze in Kurz­charakterisierungen zusammen. Was er über die jüdische Erforschung der rabbinischen Gleichnisse darstellt, wurde von der neutestamentlichen Forschung weithin nicht be­rücksichtigt, so dass Krupp sogar von „in der Regel in Sachen Rabbinica völlig ungebildeten Neutestamentlern“ sprechen kann. Als Ausnahme nennt er Paul Fiebig und einige neuere amerikanische Forscher. Einen breiten Raum nimmt auch die Charakterisierung des Verständnisses von David Flusser ein, der zwischen einem früheren Typ un­terscheidet, „der auf eine allgemein gültige Morallehre ausgerichtet ist“, und einem angeblich degenerierten Typ, „der allein der Schriftauslegung dient.“ Die Kennzeichnung verschiedener Auslegungsansätze führt bis zu Catherine Hezser, die z.B. am Vergleich der Parabel von den Arbeitern im Weinberg mit rabbinischen Gleichnissen zu dem Ergebnis kommt, dieser Text sei nicht geeignet, „die christliche Lohnethik der rabbini­schen gegenüberzustellen“. Abschließend geht die Einleitung auf „Christliche Gelehrte zum Verhältnis der Gleich­nisse Jesu zu denen der Rabbinen von Jülicher bis Jeremias“ ein. Dabei wird erneut deutlich, wie sehr man zu Beginn des letzten Jh. noch in traditioneller Judenfeindlichkeit befangen war – und sei es, weil Jesus unbedingt etwas unvergleichlich anderes sein musste. Ausführliche Zitate zeigen, wie sehr Jülicher dabei seiner eigenen Gleichnistheorie widerspricht, wenn er z.B. feststellt, in seinen Gleichnissen rede Jesus als „der Sohn Gottes, denn wovon sie handeln, was sie beleuchten, das ist das Himmelreich, das sind die Gegenstände der oberen Welt“. Dabei will er nicht judenfeindlich sein; denn er ist überzeugt, „in Jesu Parabeln redet allein der Israelit, der Jude in seiner liebenswürdigen Gestalt, der unverdorbene, der ungeknechtete, der wahre ewige Jude.“

Darum geht es auch Krupp. So lässt sich vielleicht sagen, hinter der neuzeitlichen christlichen Judenfeindlichkeit steht ein künstlich konstruiertes Zerrbild des Judentums. Selbst Paul Fiebig unterlag trotz rabbinischer Kenntnisse dem Zwang, die haushohe Überlegenheit Jesu über die Rabbinen herauszustellen. Dass er schließlich Mitarbeiter am Eisenacher Entjudungsinstitut wurde, zeigt, wohin solche dogmatischen Befangenheiten führen können. Bousset hält Jesu Gleichnisse für eine Übernahme aus der Synagoge, versucht aber dennoch, die Überlegenheit der Gleichnisse Jesu gegenüber den rabbinischen herausstellen. Selbst auf Arthur Drews geht Krupp ein. Jeremias kommt etwas kurz weg. Weitere Exegeten werden genannt, ohne näher auf sie einzugehen. Im Hauptteil wendet sich Krupp 27 einzelnen Gleichnissen und rabbinischen Parallelen zu. Er verzichtet jedoch auf die gängige Unterscheidung zwischen Gleichnissen, denen immer wieder zu beobachtende Vorgänge zugrunde liegen, und Parabeln, die zwar prinzipiell mögliche, aber zur Veranschaulichung dienende Einzelfälle erzählen, oder, um Krupps eingangs zitierte Unterscheidung von Maschal und Nimschal zu zitieren, von der Anwendung her konzipiert sind. Nach einer kurzen Darstellung jeweiliger Auslegungen in der wissenschaftlichen Exegese, führt er rabbinische Parallelen an. Mit Recht kritisiert er, dass dabei gelegentlich zwischen „jüdischen“ und Gleichnissen Jesu unterschieden wird, als wäre Jesus kein Jude gewesen. Die rabbinischen Parallelen zeigen allerdings, dass dort andere Fragestellungen im Vordergrund standen, und diese häufig dazu dienen, eine biblische Sentenz zu erläutern, was so nicht auf Jesu Gleichnisse zutrifft. (Das Schriftzitat bei den „bösen Weingärtnern“ ge­hört nicht zur Gleichnis­erzählung, sondern zu deren Anwendung.) Die Frage „dichterischer Qualität“, Originalität oder Abhängigkeit bleibt davon unberührt. Immerhin zeigen die Beispiele zur Parabel von den Arbeitern im Weinberg, dass diese ein verbreitetes Motiv behandelt. Einige Texte werden synoptisch nebeneinander gestellt und daran die erzählerischen Unterschiede dargelegt. Bei manchen ist allerdings zu fragen, ob sie in ihren tradierten Fassungen tatsächlich eine Parabel oder eine verschlüsselte Erzählung sind. Dies verhandelt Krupp z.B. unter der Frage, was tatsächlich Aussage Jesu bzw. Gemeindebildung ist, und stellt fest, dass bereits bei Markus Allegorisierungen vorliegen. Dass die rabbinischen Beispiele oft keine tatsächlichen Parallelen sind sondern oft nur ähnliche Motive enthalten, weiß auch Krupp und führt dies aus. So handelt die Parabel von den „bösen Weingärtnern“ etwa von einer Pflichtverweigerung. Vielleicht bestand Jesu Absicht aber gerade darin, auf die Frage, was der Weinbergbesitzer tun werde, die Antwort nicht selbst zu geben, sondern die Zuhörenden zum Nachdenken darüber anzuregen, wie sie es mit Gottes Erwartungen halten. Auch beim „verlorenen Sohn“ setzen die rabbinischen Beispiele andere Akzente. Dennoch helfen die Vergleiche zur Entdeckung des Spezifischen – nicht Jesu, sondern der jeweiligen Pointe! Bei den „klugen und törichten Jungfrauen“ zitiert Krupp mit Recht Flussers Zweifel an der Annahme christlicher Exegeten, es handle sich um eine realistische Szene damaliger Hochzeiten. Er geht davon aus, ein Vergleich mit rabbinischen Gleichnissen biete die Möglichkeit, dieses für ein authentisches Jesusgleichnis zu halten. Die rabbinischen Beispiele bieten jedoch höchstens zu einigen Motiven Parallelen. Nicht eindeutig ist, ob Krupp mit der Vermutung, Jesus habe „sich wahr­scheinlich für den Menschensohn des Propheten Daniel“ gehalten, seine eigene oder Flussers Meinung wiedergibt. Größte Nähe weist ein Gleichnis von R. Jochanan b. Zakkaj auf. Beachtenswert ist allerdings Krupps Hinweis, dass diese Erzählung nicht unbedingt (wie ihr jetziger Kontext im Evangelium nahelegt) von der Parusie handeln muss, sondern wie die rabbinischen Parallelen vom unerwarteten Tod. Die anderen Beispiele sprechen eher allgemein von verpassten Gelegenheiten und lassen unterschiedliche Anwendungen zu. Dies sollte grundsätzlich auch allen Gleichnissen Jesu zugestanden werden. Interessant ist die Frage Jochanan Blochs, die zum Gleichnis von den „anvertrauten Pfunden“ zitiert wird, ob nicht davon auszugehen sei, „das Gleichnis rede gerade nicht vom Selbstverständli­chen“. Hier wäre die Unterscheidung von Gleichnis, Parabel und Vergleich hilfreich. Manche Urteile über die „Echtheit“ eines Gleichnisses hängen vom generellen Jesusbild der Exegeten ab oder davon, wie man kleine Unstimmigkeiten im Handlungsablauf wertet, etwa dass ein Feind Unkraut unter guten Samen aussät. Auch sollte nicht überall, wo der Begriff „Himmelreich“ vorkommt, an die „kommende Welt“ gedacht werden; oft scheint in den Einleitungen der Gleichnisse die Formulierung „wo Gott herrscht“ zutreffender. Insgesamt wird durch Krupps Ensemble rabbinischer Gleichnisse, auch wenn sie nicht passgenau den neutestamentlichen entsprechen, deutlich, dass sich Jesus als Gleichniserzähler innerhalb einer reichhaltigen Tradition seines Volkes bewegt. Dass er dabei auch Fehlentwicklungen und Missstände anprangert, verbindet ihn ebenfalls mit rabbinischen Gleichniserzählern und darf nicht als antijüdisch missverstanden werden. Dies macht u.a. auch ein Vergleich der Parabel von den anvertrauten Pfunden mit rabbinischen Parallelen deutlich. Dabei werden vielfältige Möglichkeiten des Verständnisses von anvertrauten „Gaben“ ebenso deutlich wie unversehrtes Bewahren von anvertrautem Gut. Diese unterschiedlichen Pointierungen können auch vor einem zu engen, exklusiven Missverständnis der Gleichnisse Jesu bewahren bzw. die Multivalenz des Bildgehalts aufzeigen. (...)

Auch Gleichnisse ohne rabbinische Parallelen nennt Krupp: das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat sowie vom klugen bzw. unehrlichen Verwalter. (...) Sehr ausführlich geht Krupp auf das Gleichnis vom Sämann und seiner synoptischen Deutung ein, ehe er rabbinische Parallelen zitiert, die von unterschiedlichen Gelehrtenschülern handeln – allesamt sehr aufschlussreich! Nicht sämtliche rabbinischen Parallelen zu den Gleichnissen vom Verlorenen sind passend, weil sie sich teilweise auf (m.E.) nicht ursprüngliche Deutungen der Bilder beziehen. Insofern ist beim Umgang mit dem sehr aufschlussreichen Material genau darauf zu achten, was es veranschaulicht – immer allerdings, wie auch Krupp betont, dass sich Jesus als Gleichniserzähler inhaltlich wie formal im Rahmen seiner vorfindlichen Tradition bewegt. Keinesfalls sollte man aber Parabeln Jesu nach rabbinischen korrigieren, wie es Krupp bei den „ungleichen Söhnen“ erwägt, sondern bei aller Verwurze­lung Jesu in der Tradition seines Volkes zugestehen, dass er eigenständig denkt, wie auch die Rabbinen zu einzelnen Fragen oft unterschiedlicher Meinung sind. Dass die Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus jüdischer Tradition entstammt, macht schon der Hinweis auf Mose und die Propheten sichtbar. Dies weiß auch Krupp; sein rabbinisches Beispiel zeigt nur, dass man vor leichtfertiger Einschätzung seines Todesdatums warnte; aber diese Einsicht entspricht auch dem Jakobusbrief. Beachtet man diese Tatsache der Verwurzelung nicht nur der Gleichnisse, sondern der gesamten Botschaft Jesu im jüdischen Denken, kann die vorgelegte Sammlung eine echte Hilfe und Bereicherung für Predigt und Unterricht bieten.


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